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Schnecken können nützlich sein

09.09.2020, Julia Schmid

Schnecken bringen Gartenbesitzer/innen oftmals fast zur Verzweiflung. Vor allem in Sommern mit viel Regen können diese Tiere empfindliche Frassschäden an den Kulturen verursachen. Dafür verantwortlich sind jedoch ganz wenige der zahlreich vorkommenden Schneckenarten. Manche Vertreter dieser Weichtiere sind sehr nützlich und tragen zu einem gesunden Nährstoffkreislauf bei.
Die (meist) zu Unrecht ungeliebten Gartenbesucher

Um es gleich vorauszuschicken: Nur wenige Schneckenarten sind für die Schäden im Garten verantwortlich. Die meisten Gehäuseschnecken wie die Bänderschnecken oder die Weinbergschnecken ernähren sich mehrheitlich von absterbendem Pflanzenmaterial, von Pilzen oder Tieren. Indem Schnecken totes Pflanzenmaterial abbauen, tragen sie zur Humusbildung bei und somit zum natürlichen Nährstoffkreislauf. Die Weinbergschnecken sind besonders nützlich, denn sie fressen die Eigelege von Nacktschnecken und sind somit die natürlichen Feinde der Schneckenarten, die die ärgerlichen Frassspuren an den Kulturen verursachen. Des Weiteren sind Schnecken eine wichtige Nahrungsquelle für viele Wildtiere. Igel, Vögel, aber auch Spitzmäuse, Kröten und Blindschleichen profitieren von ihnen als wichtige Proteinquellen. Auch nach dem Tod können Schnecken noch nützlich sein. Die leeren Schneckenhäuser dienen einigen Wildbienenarten zur Eiablage und bieten ihnen Schutz vor Räubern und Kälte. 

 

 

Eine gefleckte Weinbergschnecke @ Margrit Brunner / stadtwildtiere.ch 

 

 

Die Zweifarbige Schneckenbiene (Osmia bicolor) legt ihre Eier in leere Schneckenhäuser. Bild © wildbienen.de

 

Bedrohte Vielfalt 

Schnecken gehören zum Stamm der Weichtiere und sind eine äusserst artenreiche Gruppe. Wie viele Schneckenarten es weltweit gibt, ist nicht genau bekannt. Schätzungen variieren zwischen 40'000 und 100'000 Arten. Eine Übersicht dieser unglaublichen Vielfalt der Arten finden Sie hier. Im Buch «Schneckenfauna der Schweiz» sind 254 Arten beschrieben (1).
Der Artenreichtum widerspiegelt sich in der Lebensweise. Schnecken haben sich im Meer entwickelt. Von da aus haben sie die Süssgewässer und als einzige Weichtiere auch viele Gebiete an Land besiedelt, von der Wüste bis in die Alpen. Die meisten Arten haben ein breites Nahrungsspektrum. Manche Arten leben räuberisch und machen Jagd auf Kleintiere. Die sogenannten Raubschnecken verfolgen und erlegen ihre Beute, zum Beispiel kleine Würmer. Wasserschnecken raspeln Algenaufwuchs ab, filtern Phytoplankton aus dem Wasser oder nehmen Mikroorganismen über den Schlamm auf. Die meisten landlebenden Arten ernähren sich von vermodernden Pflanzenresten. 
Man glaubt es kaum: Die Artenvielfalt dieser Weichtiere ist leider bedroht. Rund 40 % der Schneckenarten der Schweiz stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten (2). Gründe dafür sind die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft sowie die Begradigung von Gewässern und die Zerstörung von Feuchtgebieten, insbesondere der feuchten Wiesen.

 

 

Eine Bänderschnecke mit hellem Schneckenhäuschen. Bild © Pixabay.com

 

Vielfältige Anpassungen

Schnecken haben sich in so vielen verschiedenen Lebensräumen ausgebreitet, weil sie sich über Jahrmillionen (ca. 530 Millionen Jahre) an neue Bedingungen anpassen konnten. Die ursprünglichen Wasserschnecken atmen über Kiemen und sind an ein Leben unter Wasser angepasst. Bei Landschnecken haben sich Lungen entwickelt, die eine Atmung an Land ermöglichen. Zum Schutz gegen Fressfeine und Umwelteinflüsse haben einige Arten Gehäuse aus Kalk entwickelt. Im Winter oder bei Trockenheit können sich die Nacktschnecken in den Boden eingraben. Weil das für die Gehäuseschnecken schwierig ist, haben sie eine andere Strategie entwickelt. Sie suchen sich ein geschütztes Plätzchen, verschliessen ihr Haus mit einer Schleimschicht und überdauern so trockene Perioden oder kalte Winter. 

 

 

Ein Tigerschnegel findet man oft im Kompost  © Wapiti / wildenacbarn.ch 

Mehr Info dazu in unserem Blogbeitrag 

 

Normalerweise erfolgt die Entwicklung neuer Anpassungen über sehr lange Zeit. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass sich Arten innerhalb weniger Generationen an neue Gegebenheiten anpassen können. Ein Beispiel dafür liefert eine niederländische Studie zu einer Bänderschneckenart. Hier gab es in urbanen Zentren mehr Schnecken mit hellen Gehäusen als in ländlichen Gebieten. Vermutlich, so die Interpretation der Forscher, vertragen die Schnecken mit hellen Gehäusen die Hitze in den Sommermonaten besser, weil sich diese weniger stark aufheizen (3). 
Schnecken sind also nicht einfach nur Plagegeister, sondern durchaus wertvolle Mitglieder des biologischen Gefüges. Vielleicht betrachten wir Gärtnerinnen diese Gartenbesucher nach diesen Ausführungen in einem etwas anderen Licht. 

 

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Quellen

(1) Boschi, Cristina. 2011. Die Schneckenfauna der Schweiz. Haupt Verlag.
(2) Rüetschi J., Stucki P., Müller P., Vicentini H., Claude F. 2012: Rote Liste Weichtiere (Schnecken und Muscheln). Gefährdete Arten der Schweiz, Stand 2010. Bundesamt für Umwelt, Bern, und Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna, Neuenburg. Umwelt-Vollzug Nr. 1216: 148 S.
(3) Kerstes, N.A.G., Breeschoten, T., Kalkman, V.J. et al. 2019. Snail shell colour evolution in urban heat islands detected via citizen science. Commun Biol 2, 264. 

 

Weiterführende Infos

Wissenswertes über Schnecken
Schnecken checken: Ein Online-Bestimmungsschlüssel der 281 Schneckenarten der Schweiz. 
 

 

 

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